09. April 2024

Gesund Leben Lernen: Gesundes Schulklima im Mittelpunkt, um gut lernen und arbeiten zu können

09. April 2024

Gesund Leben Lernen: Gesundes Schulklima im Mittelpunkt, um gut lernen und arbeiten zu können

Erfahrungsbericht aus einer Schule

In der Kindheit werden die Grundlagen für das weitere Leben geschaffen. Studien zeigen, dass die soziale Lage, in der Kinder aufwachsen, ihren Bildungs- und Teilhabeerfolg sowie ihre Gesundheit maßgeblich beeinflussen können. Die Corona-Pandemie hat bestimmte Entwicklungen noch verstärkt. Gleichzeitig sind die Anforderungen an Lehrkräfte und schulisches Personal hoch. Das Programm „Gesund Leben Lernen“ unterstützt seit 2003 niedersächsische Schulen dabei, Gesundheitsmanagement in ihren Schulalltag zu integrieren. Wie das vor Ort konkret aussieht, haben wir uns in einer Grundschule in Peine angeschaut.

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Janine Sterner und Jan Kreie im Gespräch mit Michael Lampka

Ein Rucksack voller Probleme

„Die Zahl unserer Schüler:innen ist in den vergangenen viereinhalb Jahren von 265 auf 350 angestiegen“, sagt Michael Lampka, Schulleiter der Grundschule in der Südstadt von Peine. Er ist 39 Jahre alt und sprüht vor Energie, als er uns durch seine Schule führt, mit Eltern, Kolleg:innen und Schüler:innen spricht und von den Aktivitäten seiner Schule erzählt. In derzeit 15 Klassen der ersten bis vierten Klassenstufe werden jeweils bis zu 26 Schüler:innen unterrichtet. Vor dem Schulgebäude steht übergangsweise ein Container, um Raum für zwei Klassen zu schaffen. Ein weiterer Container soll hinzukommen, bevor ab Herbst 2024 ein Erweiterungsbau geplant ist.

  • Grundschule in der Südstadt Peine

Die Grundschule ist eine Stadtteilschule und bildet die Diversität und Entwicklung der Einwohnerschaft in der Südstadt von Peine ab. Der Wohnraum ist vergleichsweise günstig, ein weiteres Wohnviertel wird derzeit gebaut. Die Armut ist vergleichsweise hoch, viele Familien beziehen Leistungen nach dem Bildungs- und Teilhabegesetz. In den vergangenen Jahren sind auch viele Menschen mit Migrationsgeschichte hinzugezogen.

„Wir haben eine große Diversität mit bis zu 25 Nationen bzw. Herkunftssprachen und damit auch vielfältigste Persönlichkeiten in unserer Schüler:innenschaft. Deshalb nehmen wir neben unserem Bildungsauftrag auch unseren Erziehungsauftrag sehr, sehr ernst“, sagt Michael Lampka. „Vielleicht muss ein Kind das Einmaleins nicht unbedingt bis zum Ende der zweiten Klasse können, so wie es im Lehrplan steht. Es kommt hier vielleicht mit einem so großen Rucksack an Problemen an – das Einmaleins lernt es auch noch in Klasse drei.“ In diesem Rucksack steckten Themen wie ein erhöhter Medienkonsum, ein mangelnder Bezug zu ausreichend Schlaf oder zu gesundem Essen. In vielen Familien fehle es an gemeinsamer Zeit, „und zwar nicht vor dem Fernseher, sondern gemeinsame Zeit in Form von gemeinsam spielen, gemeinsam zuhören, gemeinsam lesen. Wir haben Schüler:innen aus Familien mit fünf, sechs, sieben Kindern. Wir haben Kinder hier, die mit ihren Müttern in einem Frauenhaus leben. Wir haben Kinder, deren Erziehungsberechtigte überfordert sind: Manche Kinder stehen morgens allein auf, weil kein Erwachsener zu dieser Zeit aufsteht, schnappen sich eine Tüte Chips und kommen dann allein und in denselben Klamotten wie seit zwei Wochen in die Schule. Manchmal ist der Rucksack wirklich unerträglich schwer.“

Die Auswirkungen der sozialen Lage auf Bildungs-, Teilhabe- und Gesundheitschancen

21 Prozent aller Kinder in Deutschland leben dauerhaft oder wiederkehrend in Armut [1]. Kinder aus kinderreichen Familien, Haushalte von Alleinerziehenden sowie Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund tragen dabei ein besonders hohes Armutsrisiko [1; 2]. Mit dem Armutsrisiko steigt bei Kindern, die in sozioökonomisch benachteiligten Familien aufwachsen, auch die Wahrscheinlichkeit für Benachteiligungen bei den Bildungschancen, der sozialen Teilhabe und der Gesundheit, wie Studien immer wieder belegen [2, 3]. Die regelmäßige Gesundheitsberichterstattung des Bundes, durchgeführt durch das Robert-Koch-Institut, zeigt, dass Gesundheitsprobleme sowie psychische und soziale Auffälligkeiten bei armutsbetroffenen Kindern häufig bereits im frühen Kindesalter auftreten [4]. Kinder aus benachteiligten Familien nehmen zudem Früherkennungsuntersuchungen und zahnärztliche Kontrolluntersuchungen seltener in Anspruch [5] und leiden viermal häufiger an Adipositas als Jungen und Mädchen aus Familien mit sozioökonomisch höherem Status [4].

Die Covid-19-Pandemie hat die Situation verstärkt. Die COPSY (COrona und PSYche)-Studie [6] zeigte, dass psychische Auffälligkeiten bei Schüler:innen aller Schulformen während der Pandemie zugenommen haben und sich auf hohem Niveau stabilisieren. Besonders betroffen sind Grundschüler:innen (Anstieg von 16,9 % auf 40,0 %), vor allem bei Verhaltensauffälligkeiten (11,7 % auf 24,6 %) und Hyperaktivität (13,9 % auf 34,0 %). Auch die Belastungen und Unterstützungsbedarfe von Familien sind entsprechend hoch. Es bestehe deshalb, so die Forscher:innen, ein hoher Bedarf an Maßnahmen zur psychischen Gesundheitsförderung und Prävention bereits an Grundschulen.

Gut ankommen, um gut lernen zu können

Die Lehrkräfte in der Grundschule in Peine machen dieselben Beobachtungen, erzählt Michael Lampka. „Wir haben diverse Anzeichen dafür, dass Kinder gestresst und überlastet sind. Und wir haben ganz klar gesagt: Das ist für uns eine untrennbare Einheit, dass es dem Kind gutgehen muss, und zwar körperlich und seelisch gutgehen muss, damit es auch gut lernen kann. Wir fragen uns immer wieder: Was brauchen die Kinder eigentlich, um hier gut anzukommen und gut lernen zu können?

  • Klassenzimmer zur Zeit eines Projekttages

Zum guten Ankommen gehört in der Grundschule seit fünf Jahren auch das Angebot einer „Frühstückszeit“. Schüler:innen können vor Unterrichtsbeginn ab 7:15 Uhr in der Schulmensa ein gesundes Frühstück bekommen. „Wir wissen, wie viel es ausmacht, in Ruhe ankommen zu können. Und bei manchen Kindern wissen wir, dass sie so immerhin zwei gesunde Mahlzeiten am Tag bekommen, also das Frühstück und das Mittagessen.“ Eine Schulsozialarbeiterin sowie ehrenamtlich tätige Senior:innen organisieren die Frühstückszeit. Das Essen wird von einem örtlichen Supermarkt zur Verfügung gestellt, eine Stiftung unterstützt finanziell. In der Regel kommen jeden Morgen zwischen 35 und 45 Kinder. Auch Lehrer:innen setzen sich gelegentlich dazu, um mit ihren Schüler:innen ins Gespräch zu kommen und zu hören, was sie gerade bewegt.

„Wir haben kleine Kinder da, die zwischen sechs und zehn Jahre alt sind. Die so viel mit sich bringen, seelisch wie körperlich, im positiven wie im negativen Sinn, dass es fahrlässig wäre, sich dem nicht zu widmen“, sagt Michael Lampka. Deshalb haben sich Schulleitung und Kollegium vor eineinhalb Jahren entschieden, am Programm „Gesund Leben Lernen“ teilzunehmen.

Das Programm „Gesund Leben Lernen“

Gesund Leben Lernen (GLL) ist ein Programm zur Einrichtung eines Gesundheitsmanagements in Schulen. Ziel ist es, die gesamte Organisation Schule zu einer gesunden Lebenswelt für alle zu entwickeln, die in ihr lernen und arbeiten. Das Programm wird seit 2003 in Niedersachsen von der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen Bremen e. V.  umgesetzt. Der Programmleiter, Jan Kreie, erklärt: „Es geht darum, persönlichkeitsfördernde und motivierende Arbeits- und Lernbedingungen zu schaffen und die Gesundheit, das individuelle Wohlbefinden und damit auch die Bildung zu stärken. Das bedeutet, im Mittelpunkt stehen einerseits die Stärkung von vorhandenen Gesundheitsressourcen, andererseits der Abbau von Über- und Fehlbelastungen.“ Ganz konkret kann es zum Beispiel darum gehen, mehr Bewegung im Schulalltag zu integrieren, oder die Belastungssituation und Gesundheit der Lehrkräfte in den Fokus zu nehmen. Auch das Thema Ernährung, die Schulhofgestaltung, die Rhythmisierung des Alltags oder eine erholsame Pausenstruktur können Handlungsschwerpunkte sein.

  • Michael Lampka im Gespräch mit Jan Kreie

Michael Lampka und sein Kollegium motiviert zum einen das Wohlergehen der Kinder zur Teilnahme an GLL: „Die Gesundheit ist ganz wichtig. Die Kinder müssen noch viele Jahre in die Schule gehen, noch sehr intensiv lernen, neue Situationen meistern, neue Lehrkräfte und Mitschüler:innen kennenlernen. Da prasselt noch so viel auf sie ein, dass wir gesagt haben: Wenn wir nicht in den ersten vier Jahren einen guten Grundstein legen, dann ist es mitunter schon zu spät.“ Eine schulinterne Steuerungsgruppe koordiniert den Entwicklungsprozess, seitdem die Schule das Programm GLL umsetzt. Sie begann mit einer Bestandsaufnahme dessen, was die Schule bereits macht, und einer Erfassung der Bedarfe, an denen das Kollegium arbeiten möchte. Anschließend werden konkrete Maßnahmen abgeleitet und in der Schule umgesetzt.

Die „Frühstückszeit“ gab es bereits vor GLL, aber das Programm habe die Bedeutung einer gesunden Ernährung und des In-Ruhe-Ankommens noch einmal bewusster gemacht. Die Schule ist inzwischen auch „Wasserschule“ geworden: Gefördert durch eine Stiftung, wurde ein Wasserspender in der Schulmensa installiert und alle Schüler:innen mit Flaschen ausgestattet. Das soll sie animieren, Wasser als gesunde Alternative zu Süßgetränken zu trinken. Ein Bildschirm über dem Wasserspender zeigt an, wie viel Wasser bereits getrunken wurde, und soll einen Anreiz schaffen, den „Punktestand“ weiter nach oben zu schrauben. Über das gesunde Frühstück und den Wasserspender sind auch Gespräche mit Eltern zur gesunden Ernährung zustande gekommen. Es seien die bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema Gesundheit und viele kleine Maßnahmen im Schulalltag, die etwas bewirken, sagt Michael Lampka.

Begleitet wird die vierköpfige Steuerungsgruppe in der Schule von einer externen GLL-Fachkraft. Zu deren Rolle und Aufgaben erklärt Jan Kreie: „Die Fachkräfte für schulisches Gesundheitsmanagement sind entsprechend weitergebildet. Sie begleiten die Schulen zwei Jahre lang, geben Hilfe beim Projektstart, leiten Workshops zur Interessensklärung, Zielentwicklung und Projektplanung und arbeiten in den Steuerungsgruppen mit. Sie moderieren gegebenenfalls auch themenspezifische Gesundheitszirkel und vermitteln weitere regionale und landesweite Unterstützungsangebote und Kooperationspartnerschaften.“ Michael Lampke berichtet: „Unsere GLL-Fachkraft, Frau Kottke, hat ganz viel Energie mitgebracht. Neben der Begleitung der Steuerungsgruppe hat sie bisher zwei Dienstbesprechungen durchgeführt und dem Kollegium unter anderem neue Methoden mitgegeben, wie sie Kinder sprichwörtlich bewegen können, wenn sie zum Beispiel an Regentagen nicht nach draußen auf den Schulhof können. Sie hat außerdem Kontakte vermittelt, zum Beispiel zum Kreissportbund, mit dem wir einen Sportaktionstag durchgeführt haben.“

  • Pausensituation auf dem Schulhof

Belastungen des Schulkollegiums im Fokus

Neben der Gesundheit der Kinder hat die Grundschule in Peine einen Schwerpunkt auf die Belastungssituation des Kollegiums gelegt. Zum Team der Grundschule zählen 43 Mitarbeitende, darunter 25 Lehrkräfte, 12 pädagogische Mitarbeitende, zwei Schulsozialarbeiterinnen, eine Sekretärin, ein Hausmeister, der Schulleiter und die Konrektorin. „Die Arbeitsbelastung für das Kollegium ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Wir haben wachsende Schüler:innenzahlen und deren Heterogenität nimmt zu. Hinzu kommen immer mehr Verordnungen und Erlasse, die wir umsetzen müssen. Auch die Covid-19-Pandemie wirkt noch nach. Im vergangenen Schuljahr hatten wir insgesamt 900 Fehlstunden im Kollegium. Das ist schon ein Brett.“ Ab dem Herbst 2024 ist darüber hinaus ein Erweiterungsbau geplant, um neue Klassenräume und Sanitäranlagen zu schaffen, denn die Container vor der Schule sollen nur eine Übergangslösung für die wachsende Schüler:innenschaft bleiben. „All das wird zu mehr Belastungen und Stress führen“, sagt Michael Lampka.

Das Deutsche Schulbarometer, eine repräsentative Umfrage der Robert Bosch Stiftung, zeigte zuletzt 2022 eine alarmierende Arbeitsbelastung bei Lehrkräften: 92 Prozent der befragten Lehrkräfte erlebten ihr Kollegium und 84 Prozent sich selbst als stark oder sehr stark belastet. [7] Eine bundesweite forsa-Studie im Auftrag des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) kam 2022 zu einem vergleichbaren Ergebnis: In der Hälfte der befragten Schulen kam es demnach in den letzten Jahren vermehrt zu langfristigen Ausfällen im Kollegium. Dabei lagen physische und psychische Erkrankungen als Ursachen gleichauf. In der vorherigen Befragung im Jahr 2019 sah lediglich ein Drittel der Schulleitungen diese Tendenz im eigenen Kollegium [8].

„Wir können die Kinder nur fördern, sowohl in der Erziehung als auch in der Bildung, wenn wir da sind, also wenn wir selbst Kraft dazu haben“, sagt Michael Lampka. „Mein Großvater hat immer so einen schönen Satz gesagt: ‚Mit der Gesundheit ist es wie mit einem Bankkonto. Man kann nicht immer nur abheben, man muss auch mal einzahlen, sonst ist man irgendwann bankrott.‘ Das hat mich geprägt und das gebe ich auch an mein Team weiter, wenn ich hier sehe, die pfeifen aus dem letzten Loch.“

  • Schulleiter Michael Lampka

Ein schulinterner Workshop des Kollegiums im Rahmen von GLL habe unter anderem dazu beigetragen, die teaminterne Kommunikation zu stärken und offener über Belastungen zu sprechen. Auch den Denkanstoß eines „Mini-Urlaubs“ hat das Schulteam daraus mitgenommen, erzählt Michael Lampka: „Manchmal müssen wir pragmatische Lösungen finden, die uns erlauben, das zu erfüllen, was von uns gefordert wird, aber gleichzeitig dabei noch gesund zu bleiben. Wir haben da kleine Möglichkeiten gefunden, von denen eine ist, zu sagen: ‚Ich brauche jetzt gerade eine Auszeit.‘ Wobei sich „Mini-Urlaub“ schöner anhört. Das können 10 oder 15 Minuten sein, die man sich nimmt, um mal an die frische Luft  spazieren zu gehen, Musik zu hören, oder auch mal eine zu rauchen. Wir reden da kurz miteinander und jemand beaufsichtigt dann auch die Klasse der Kollegin mal mit, wenn man merkt: Da ist gerade jemand gesundheitlich angeschlagen, oder mitgenommen, weil vielleicht ein Kind eben von Kindesmisshandlung berichtet hat.“

Das Thema „Gesundheit“ überhaupt mal auf der Tagesordnung

Für Michael Lampka war das erste Treffen mit anderen Schulleitungen im Programm Gesund Leben Lernen beim sogenannten „Auftakt- und Richtfest“ in Hannover ein „Sternmoment“, wie er sagt. „Ich habe da ganz viele andere Schulleitungen getroffen, die im Prinzip die gleichen Sorgen und Nöte haben wie ich. Es war wie ein Gesprächskreis, wo das Thema Gesundheit in der Schule überhaupt mal auf die Tagesordnung gekommen ist, wir überhaupt darüber reden konnten, wo wir stehen. Klar, es gibt Beratung und Unterstützung von den Behörden, ich kann auch Überlastungsanzeigen stellen. Aber bestimmte Dinge können die nicht lösen, die kann ich nur selbst lösen. Zu denen muss ich auch eine Haltung und Einstellung entwickeln. Und das fand ich in den Gesprächen mit den Kolleg:innen wirklich toll.“

  • GLL-Infowand im Lehrerzimmer

Das jährliche „Auftakt- und Richtfest“ bildet den Auftakt für die neu im Programm aufgenommene Schulen und gleichzeitig den Abschluss der engeren Betreuung der Schulen, die das Programm zwei Jahre durchlaufen haben. Jan Kreie erläutert: „Die Schulen, die verabschiedet werden, stellen ihre Projekthighlights vor, berichten, was gut gelaufen ist, aber durchaus auch, wo es Schwierigkeiten in der Umsetzung gab. Die neu startenden Schulen bekommen auf diese Weise Anregungen und auch ganz praktische Tipps.“  

Es folgen zwei Schulleitungsworkshops, in denen zum einen das Thema „Gesundes Führen“ mit Fokus auf die Mitarbeitenden, zum anderen die eigene Gesundheit als Führungskraft im Mittelpunkt stehen. Michael Lampka ist besonders der zweitägige Schulleitungsworkshop in einer Kletterhalle in Bremen nachhaltig in Erinnerung geblieben: „Der Workshop hat unserer Schulsozialarbeiterin, die ich mitgenommen habe, und mir unglaublich viel gebracht. Es ging um gesunde Führung, sich dabei aber auch selbst sicher zu fühlen und aufeinander verlassen zu können. Die Mischung aus sportlicher Praxis, also dem Klettern, und theoretischen Auseinandersetzungen, war wirklich toll. Das müsste eigentlich Pflichtprogramm für alle Schulleitungen sein.“ Der Workshop habe auch den Anstoß gegeben, als Gesamtkollegium selbst einmal gemeinsam klettern zu gehen. Auch das Vorhaben eines regelmäßigen Kollegiumssports hat die Grundschule inzwischen in der eigenen Sporthalle in die Tat umgesetzt.

Das Programm Gesund Leben Lernen bietet neben der zweijährigen Beratung und Prozessbegleitung und den Schulleitungsworkshops auch eine schulinterne Fortbildung für das Kollegium sowie einen Schüler:innen-Workshop „Wir reden mit!“, bei dem es um Partizipationsmöglichkeiten von Schüler:innen bei solchen Schulentwicklungsprozessen geht. Ein zusätzliches digitales Workshopangebot gibt Schulleitungen und Lehrkräften die Möglichkeit, Themen zu vertiefen, für die sie sich besonders interessieren. Außerdem können sich alle GLL-Schulen in fünf regionalen Netzwerken mit anderen Schulen in ihrer Region vernetzen und über die zweijährige Programmlaufzeit hinaus zu aktuellen gesundheitsbezogenen Themen im Austausch bleiben. Schulleitungen und Lehrkräfte, die sich für eine Teilnahme an Gesund Leben Lernen interessieren, sind zu den halbjährlich stattfindenden Netzwerktreffen ebenfalls eingeladen.

Schulentwicklung ist ein fortlaufender Prozess

„Schulentwicklung ist ein fortlaufender Prozess. Ich bin Realist und sage, okay, man kann nicht alles schaffen. Aber wir müssen uns weiterentwickeln. Das Schlimmste für mich ist die Haltung: ‚Das machen wir doch schon immer so.‘ Aber warum? Warum so? Ich denke, lasst uns das doch mal überprüfen. Vielleicht ist ein anderer Weg ein besserer. Dazu gehört natürlich auch eine Fehlerkultur. Einen Fehler zu machen ist gar nicht schlimm, aber lasst es uns probieren. GLL gibt einem die Möglichkeit dazu. Die PISA-Studie kam gerade wieder heraus und der Aufschrei ist wie immer groß. Aber es geht immer so weiter wie zuvor, weil es ja anstrengend ist, sich zu ändern.“ Michael Lampkas Zwischenfazit zu Gesund Leben Lernen: „GLL ist ein Programm, das eine gute Mischung aus Theorie und ganz Konkretem für die Praxis bietet. Wir brauchen hier niedrigschwellige, ganz konkrete und pragmatische Ansätze, die wir umsetzen können. Und da kenne ich kein anderes Programm wie GLL. Ich erhoffe mir, dass wir durch die Instrumente und Erfahrungen mit GLL gestärkt durch diese Zeit gehen werden und danach wieder intensiver unsere Schulentwicklung voranbringen können. Gesund Leben Lernen ist etwas, das für uns keine Eintagsfliege sein soll, sondern etwas, das ich klar und deutlich in unserem Leitbild verankern und auch leben will.“

Vielfältige Kooperationspartner:innen und bisher 344 Schulen

Gefördert und unterstützt wird das Programm durch das Niedersächsische Kultusministerium, das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, die gesetzlichen Krankenkassen AOK Niedersachsen, BKK – Landesverband Mitte, IKK Classic, Techniker Krankenkasse Niedersachsen, Handelskrankenkasse HKK, die SVLFG (Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau), der Gemeindeunfallversicherungsverband in Braunschweig, Hannover und Oldenburg, die Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes sowie den Niedersächsischen Turnerbund. „Dieses Spektrum an Kooperationspartner:innen und die Offenheit und das Vertrauen, mit der alle zusammenarbeiten, sind tatsächlich einzigartig“, erklärt Jan Kreie. „Es zeigt die Bedeutung, die alle Beteiligten dem Thema Gesundheit im Setting Schule beimessen.“ Gesund Leben Lernen wird als vorbildhaftes Programm für Gesundheitsförderung in Schulen auch im Leitfaden Prävention der Gesetzlichen Krankenversicherung aufgeführt.  

2023 feierte das Programm sein zwanzigjähriges Bestehen. Bisher gibt es 344 GLL-Schulen in Niedersachsen. Bewerben können sich Schulen aller Formen und Jahrgänge, von Grundschulen bis hin zu Berufsbildenden Schulen. Voraussetzung ist, dass die Schulleitung den Prozess aktiv unterstützt und eine Zweidrittelmehrheit des Kollegiums die Teilnahme befürwortet.

Michael Lampka resümiert: „Ich kann nur jedem empfehlen, der sich auf den Weg machen will, zu sagen: Okay, diese Zeit, die muss ich mir nehmen. Man sagt immer wieder: ‚Ja, wir sollten etwas tun!‘ Oder: ‚Wir sind unzufrieden, wir wollen mehr auf Gesundheit achten, wir sind alle überlastet.‘ Aber letztlich kann ich das nur ändern, wenn ich auch den Fokus darauf lege und mir - uns - diese Zeit nehme. Wir können am Ende nur daraus gewinnen.“

Wir danken Michael Lampka und seinem Team für das Gespräch und die Einblicke in ihre Schule.

Weitere Informationen zum Programm

Ausführliche Informationen zum Programm „Gesund Leben Lernen“
finden Sie unter www.gll-nds.de.

Das Programm startet jährlich mit Beginn des neuen Schuljahres in Niedersachsen.
Bewerbungen sind jederzeit möglich.

Quellen

  1. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.) (2017). Armutsmuster in Kindheit und Jugend, Längsschnittbetrachtungen von Kinderarmut, Gütersloh: Bertelsmann Stiftung. www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/Familie_und_Bil-dung/Studie_WB_Armutsmuster_in_Kindheit_und_Jugend_2017.pdf
  2. Deutsches Kinderhilfswerk (DHKW) (Hrsg.) (2018). Kinderreport 2018, Rechte von Kindern in Deutschland. www.dkhw.de/fileadmin/Redaktion/1_Unsere_Arbeit/1_Schwerpunkte/2_Kinderrechte/2.2_Kinderreport_aktu-ell_und_aeltere/Kinderreport_2018/DKHW_Kinderreport_2018.pdf
  3. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.) (2017). Lebenslagen in Deutschland. Der Fünfte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Bonn. www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Pressemitteilun-gen/2017/5-arb-langfassung.pdf?__blob=publicationFile&v=9
  4. Robert Koch-Institut (Hrsg.) (2018). Journal of Health Monitoring · KiGGS Welle 2 - Gesundheitliche Lage von Kindern und Jugendlichen, September 2018, Ausgabe 3, Robert KochInstitut, Berlin. www.rki.de/DE/Content/Ge-sundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/JoHM_03_2018_KiGGS-Welle2_Gesund-heitliche_Lage.pdf?__blob=publicationFile
  5. Robert-Koch-Institut (RKI) (2015). Gesund aufwachsen - Welche Bedeutung kommt dem sozialen Status zu? GBE kompakt 01/2015, Berlin. www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstat-tung/GBEDownloadsK/2015_1_gesund_aufwachsen.pdf?__blob=publicationFile
  6. F. Reiß, A.-K. Napp, M. Erhart, J. Devine, K. Dadaczynski, A. Kaman, U. Ravens-Sieberer (2023). Perspektive Prävention: Psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern in Deutschland. Ergebnisse der COPSY(COrona und PSYche)-Studie. In: Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz | Ausgabe 4/2023. www.springermedizin.de/covid-19/perspektive-praevention-psychische-gesundheit-von-schuelerinnen-/24608576
  7. Robert Bosch Stiftung (2022). Das Deutsche Schulbarometer. Lehrkräfte stehen unter enormem Druck. www.bosch-stiftung.de/de/schulbarometer/lehrerumfrage-arbeitsbelastung (abgerufen: 04.01.2024).
  8. www.vbe.de/presse/pressedienste/pressedienste-2022/gesundheitsrisiko-lehramt (abgerufen: 04.01.2024).